Aufwachsen und leben in einer sinnesfeindlichen Welt

Um Erfahrungsprozesse aus der eigenen Bewegung und Beweglichkeit zu ermöglichen, brauchen Kinder eine Umwelt, die ihrem Bedürfnis nach Aktivität und selbständigem Handeln entgegenkommt. Sie brauchen vielfältige Möglichkeiten für den Einsatz und die Erprobung ihrer Sinne.

Kinder sind häufig weit entfernt vom Erleben der eigenen Körperlichkeit

Die Wirklichkeit ist häufig frustrierend. Kinder wachsen zum großen Teil auf in einer sinnesfeindlichen Umwelt. Die Welt wird für sie immer undurchschaubarer und damit auch unverständlicher. Sie können Zusammenhänge häufig nicht mehr unmittelbar selbst erleben und begreifen, sondern erfahren sie aus "zweiter Hand". Das Fernsehen vermittelt ihnen, dass die Milch von der Kuh kommt, und im Bilderbuch sehen sie, wie aus der Raupe ein Schmetterling wird. Türen öffnen sich, ohne das man sie berührt und ein Knopfdruck genügt, um Kakao aus einem Apparat fließen zu lassen.
Erfahrungen aus erster Hand können Kinder jedoch nur im eigenen Handeln machen; erst hier lernen sie, Zusammenhänge wirklich zu begreifen und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Kindern fehlen Spiel- und Bewegungsräume

Die Lebens- und Erfahrungswelt von Kindern wird heute immer mehr eingeengt. Die Wohn- und Verkehrssituation führt zu einer Begrenzung des Erlebens der eigenen Körperlichkeit unf der Sinne. Technik und Motorisierung verdrängen die Kreativität, schränken die Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten ein und hindern Kinder an der unmittelbaren Erschließung ihrer Lebens- und Erfahrungsräume.
Auf der anderen Seite sind Kinder heute einer unüberschaubaren Vielzahl von elektronischen Medien ausgesetzt. Der Einfluss von Handys, Computern, Viedeospielen und dem Fernsehen ist immens und kaum einem Jugendlichen oder Kind gelingt es, sich diesem Einfluss zu entziehen.

Mit fehlender Bewegung verkümmern auch die Sinne unserer Kinder

In dieser Welt des Tastenbedienens und Mausklickens wird der Körper kaum mehr gebraucht. Die sinnliche Wahrnehmung ist vorwiegend auf das Hören und Sehen reduziert. Computer, Handy und Fernsehen sind aus dem Alttag der Kinder kaum mehr wegzudenken und fördern mit ihrem Überangebot an akustischen und optischen Reizen das passive Konsumieren ganz erheblich.
Körpernahe Wahrnehmungen, die die Aktivität des Kindes unterstützen und es zum Handeln herausfordern, geraten dagegen immer weiter in den Hintergrund. Alle Sinnesorgane brauchen jedoch Anregungen, um zu funktionieren. Sie brauchen Training, um sich weiterzuentwickeln. Sie müssen benutzt werden, um nicht zu verkümmern. In unser technisierten, motorisierten Welt sind insbesondere die körpernahen Sinneswahrnehmungen in Gefahr, aus der Übung zu kommen.

Kinder, deren Spiel- und Bewegungsbedürfnisse nicht erfüllt werden, weisen häufig nicht nur in ihrer körperlichen Entwicklung und ihrem Bewegungsverhalten Defizite auf, sondern auch in ihrer Sprachentwicklung, Konzentrationsfähigkeit oder Intelligenzentwicklung.

Die Entwicklung der Motorik zusammen mit der Wahrnehmung stellen wichtige Voraussetzungen für die Fähigkeit zur Kommunikation, zur Äußerung von Gefühlen und damit auch zur Konfliktbewältigung im Umgang mit anderen dar. Das Kommunizieren mit Worten und auch ohne Worte ist ein wichtiges Ausdrucksmittel, das sowohl zum Verständlichmachen eigener Einstellungen als auch zum Verständnis des Gesprächspartners beiträgt.

Bewegung ist körperlich lebenswichtig

Bewegung ist auch notwendig, um die verschiedenen Körpersysteme wie Knochen und Muskeln, Herz-Kreislauf und Atmung zu entwickeln und leistungsfähig zu erhalten. Gerade in der heutigen Zeit lädt unsere hochtechnisierte Umwelt Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu einem bewegungsarmen Verhalten ein. Der Zusammenhang von Bewegungsmangel und der Entwicklung von so genannten Zivilisationskrankheiten wie der koronaren Herzerkrankung, Gelenk- und Rückenbeschwerden, Osteoporose ist den meisten von uns bekannt. Regelmäßiges und vielfältiges Bewegen von Kindheit an trägt dazu bei, diesen Krankheiten vorzubeugen.

Versteht man Gesundheit als Zustand körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens, wird deutlich, welchen Beitrag die Förderung der motorischen Entwicklung zur Gesunderhaltung bei Kindern leisten kann. Wichtig ist, dass es allen Beteiligten Spaß macht und dass die Voraussetzungen für mehr Bewegung -vor allem durch die Eltern- geschaffen werden.


Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter: Familie als Bewegungsraum